Ausschnitte aus der Schulchronik (1)

 

entstaubt von Franz-Josef Heil

Chronisten schreiben auf, was ihnen wichtig dünkt und aus dem Alltäglichen herausragt; das Bemerkenswerte soll der Nachwelt überliefert werden. So wird uns berichtet, was der Zeit bedeutsam schien. Manches Kuriose ist darunter, aber auch etliches, was heute geschehen sein könnte. Die Schulchronik vermerkt unter dem Jahr

1851
„Die Bethätigung an der Jagd von Seiten der Real- und Elementarlehrer ist nach Verfügung herz.(oglichen) Staatsministeriums, Abtheilung des Inneren, vom 21 Nov. laufenden Jahres Nro 30,151. aufs Nachdrücklichste sämmtlichen Lehrern untersagt. Es heißt in dieser Verfügung:>Da dies jedoch in den meisten Fällen mit dem Berufe eines Lehrers und Erziehers der Jugend nicht vereinbar ist, so sehen Wir uns veranlaßt, die Bestimmungen des General -Rescripts vom 15. Dezbr. 1817, Num. 32.416 hiermit in Erinnerung zu bringen und beauftragen Wir Sie daher, sämmtliche Lehrer Ihres Inspectionsbezirks alsbald zu eröffnen, daß sie sich in Zukunft jeder Betheiligung an der Jagd zu enthalten hätten< “
Fast schon modern klingt:
„Es war bisher schon einigemal der Fall vorgekommen, daß Eltern der Realschüler glaubten, ihre Söhne von dieser oder jener Unterrichtsstunde in der Realschule nach eigenem Gut¬dünken dispensiren zu können. Bei dem jüngsten Fall dieser Art hat nun die verehrliche Schulinspection nachstehende Instruction ertheilt, welche hier eine Stelle finden mag. Der Herz. Schulinspector Höfeid in Bär Stadt an den Herz. Schulvorstand in L. Schwalbach… Es würde sehr übel um eine öffentliche Schulanstalt bestellt sein, wenn es den einzelnen Eltern der Schüler frei stünde, ihre Kinder in diese oder jene Unterrichtsstunde zu schicken oder nicht. Der Lehr- und Stundenplan bezeichnet Weg und Ziel und je nachdem Beides den betreffenden Eltern zusagt, mögen sie ganz frei zwischen dieser oder einer anderen Anstalt wählen: – dagegen hat der einmal aufgenommene Schüler alle Unterrichtsstunden, wie sie durch den Lehr- und Stundenplan verzeichnet sind, zu besuchen oder – auszutreten. Außerdem bedarf es kaum einer besonderen Erwähnung, daß es jedem Vater freisteht, seinem Knaben, wenn er alle gesetzlichen Unterrichtsstunden besucht, nebenher soviel Privatstunden ertheilen zu lassen, als ihm gutdünkt.
Es steht hiernach dem Vater des fragl. Knaben durchaus nicht das Recht zu, seinen Sohn beliebig und eigenmächtig aus dem engl. u. franz. Sprachunterricht des gesetzlich an der Realschule bestellten Sprachlehrers zu entfernen, der rubricirte Knabe hat vielmehr unwei¬gerlich entweder alle durch den genehmigten Lehr- und Stundenplan verzeichneten ordent¬lichen Unterrichtsstunden in der Realschule zu besuchen: – oder aus der Anstalt auszutreten. Solange er dagegen die anderen Unterrichtsstunden, außer den rubricirten, besucht, ist er für jede unerlaubte Versäumnis mit der gesetzlichen Geldstrafe zu belegen. Ich ersuche Sie, hiernach das Weitere zu veranlassen und mir über den Erfolg baldige Nachricht mitzuteilen…“
Um die Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert wirken patriotische Vorstellungen der Zeit stark ins Schulleben hinein. Der damalige Rektor Müller schreibt
1901
Auf Anordnung Sr. Majestät des Kaisers und der obersten Schulbehörde wurde bestimmt, daß der Tag der Großjährigkeit des Kronprinzen des Deutschen Reiches in den Schulen durch einen feierlichen Akt ausgezeichnet werden sollte. Dementsprechend wurde die letzte Unter¬richtsstunde am 5. Mai – weil der 6. Mai, der Geburtstag des Kronprinzen, auf einen Sonntag fiel – zu dieser Feier bestimmt In den Elementarklassen hielt jeder Klassenlehrer an seine Schüler eine ihrem Alter und Verständnis entsprechende Ansprache. Sämtliche Realschüler vereinigten sich in dem großen Klassenzimmer, und Rektor Müller verbreitete sich in einer längeren Ansprache über l. Die Bedeutung der Großjährigkeit überhaupt, 2. Die Bedeutung der Großjährigkeit für den deutschen Kronprinzen, 3. für den Kaiser, seinem Vater, 4. für das deutsche Volk. Die Ansprache schloß mit einem Hoch auf den Kronprinzen.
Im Juni nehmen die Masern und der Keuchhusten bei den Schülern der unteren Klassen eine solche Ausdehnung, daß mit Übereinstimmung mit dem königl. Kreisschulinspektor die Sommerferien zunächst 14 Tage früher begannen und später auch um l Woche verlängert wurden; sie dauerten vom l. – 28. Juni.
In diesen Ferien wurden sämtliche Klassenzimmer des oberen Schulhausflügels frisch getüncht und in den Herbstferien vom 17. Sept. bis 6. Oktober das ganze Schulhaus außen neu verputzt.
Zufolge Allerhöchster Bestimmung Seiner Majestät des Kaisers und Königs ordnete die Königl. Regierung in Wiesbaden durch Verfügung vom 31.Dezbr.I900…an, daß am 18. Januar 1901 das 200 jährige Bestehen des Königreichs Preußen in allen Schulen gefeiert werde. Demgemäß fiel der Unterricht am 18. Januar aus. Die Schüler der Unter- und Mittelklassen feierten jede Klasse für sich. Die Oberklassen vereinigten sich zu einer gemeinsamen öffentlichen Hauptfeier. Gesänge und Deklamationen wechselten ab. Zwölf Schüler trugen das Festspiel „Deutsche Treue“ von Detlojf vor. Die Festrede hielt Herr Rektor Müller; er hob die Bedeutung des Tages hervor und schilderte sodann die landes¬väterliche Fürsorge der preußischen Könige für die Wohlfahrt ihrer Untertanen. Ein Hoch auf Seine Majestät schloß die 1-stündige Feier, welche vom Herrn Landrat v. Roller, den Mitgliedern des Schulvorstandes und des Magistrats besucht wurde. Sämtliche Schüler erhielten Festbrezeln.
Vor fünfzig Jahren waren die Folgen des zweiten Weltkrieges noch überall zu spüren, aber auch die Möglichkeiten der jungen deutschen Demokratie und des allmählichen wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Eintragungen in der Chronik werden ausführlicher; sie sind angereichert durch Zeitungsausschnitte und Fotos. Insgesamt 23 Seiten widmet Rektor Friedrich Lendle dem Jahr
1951
Da ist zu lesen, dass die drohenden „Kohleferien“ vermieden werden konnten, weil die örtlichen Kohlehändler wenigsten kleinere Lieferungen möglich machten. Der Hauptmangel in dieser Zeit war die räumliche Enge der Schule:
„Schulraumsorgen, unsere bekannte Dauerkrankheit, hatte uns bereits am 17. XII. 1950 veranlaßt, den Magistrat auf die voraussichtliche Vermehrung der Schülerzahl (ca. 100 Neuanmeldungen gegenüber rund 30 Abgängen, also Schülerzunahme um etwa 70 auf annähernd 400) aufmerksam zu machen und vorzuschlagen, zum Ostertermin 51 das verfügbare Saalgebäude des Gasthofes „Linden¬brunnen“ für Mittelschulzwecke zu mieten.“
Kollegium und Schule standen noch unter dem Eindruck des Todes von Rektor Richard Weisser, als der Geistliche Rat Dekan Mayer und der Hauptschuldirektor Josef Zimmer zu Grabe getragen werden mussten. Auch der Tod eines elfjährigen Schülers, der am Bahnhof tödlich verunglückte, erschütterte die Schulgemeinde.
Aber auch von Sportfesten im Rüdelbachtal ist die Rede und von Ausflügen und Klassenfahrten vor den Sommerferien. Auch Lehrer nahmen die Möglichkeit wahr, wieder zu reisen:
„In den Sommerferien erfreuten sich 2 Lehrkräfte eines 4-wöchigen Studienaufenthaltes in London. Der Schulleiter folgte der Einladung einer seit Jahren in London ansässigen Cousine, und Fräulein Kroth konnte auf Grund eines Austausches mit einer englischen Studentin nach London reisen. Eine gänzlich unverabredete, zufällige „historische Begegnung“ der beiden Englandreisenden erfolgte an einem Julinachmittag im Britischen Museum. Die Erlebnisse dieses Englandaufenthaltes wurden in den ersten Schulwochen nach den Ferien in vielfältigster Weise durch Vorträge mit Lichtbildern in den Klassen, in der Kulturvereinigung und im Lehrerverein den verschiedenartigsten Zuhörerkreisen übermittelt. Die Kulturvereinigung eröffnete mit diesem Vortrag ihre Tätigkeit, in der sie durch Weiterverwaltung der Räume und Bücherbestände des „Amerikahauses“ dessen Wirken fortsetzte. Um die Erhaltung dieses Kulturmittelpunktes hatten sich auch die Schüler der Mittelschule durch eifriges Sammeln von Unterschriften bemüht. Leiterin der Bücherei blieb Fräulein Weisser, die Tochter des verstorbenen Mittelschulrektors.“
Der Chronist erwähnt unter anderem:
Der ehemalige Schüler der hiesigen Volks- und Mittelschule, Pater Rolf Erhard, feierte am 22. Juli seine erste Messe in seiner Heimatstadt.
Im Oktober wird des 75. Jahrestages der Erfindung des Verbrennungsmotors durch Bad Schwalbachs berühmtesten Schüler, Nikolaus August Otto, gedacht.
Neue Glocken, bei deren Guß Rektor Lendle mit seiner Klasse anwesend war, kamen für die evangelische Gemeinde nach Bad Schwalbach.
Der Grundstein für die neue Kreisberufsschule wurde am 12. November gelegt, für deren Errichtung 180.000,- DM veranschlagt waren.
Die Mittelschule beteiligt sich am Verkauf von Plaketten und Losen für den Martinimarkt; der Erlös sollte zur Weihnachtsbescherung bedürftiger Kinder dienen.
Ein Elternbeirat wurde gewählt Zu Ostern kamen zwei neue Lehrer an die Schule: Adolf Kaiser und August May. Professor Dr. Fessel, ein geschätzter Lehrer, wurde in den Ruhestand verabschiedet. Auch für die Unterbringung der Schüler wurde etwas erreicht: „Als wertvolles Weihnachtsgeschenk für die Mittelschule trafen am 24.12.1951 Stahlrohrmöbel für Musik- und Filmzimmer ein, so daß die alten, vielfach schadhaften Zeichentische und Schemel ohne Lehnen aus Turnhalle l durch Bänke ersetzt und die Schulbänke für Sechsjährige (!) aus Turnhalle 2 an die Volksschule abgegeben werden konnten. Erfreulich war, wie, den Ereignissen vorausgreifend, berichtet sei, daß der städtische Etat für die aufgewendeten Mittel in Höhe von DM 3500,-gegen Ende des Etatjahres 1951/52 einen Zuschuß der Schulabteilung der Regierung in Höhe von DM 3000,- erhielt.“ … „Das Jahr 1951 klang für die Schule aus mit einer Nadelarbeitsausstellung im Rotkreuzhaus am Samstag/Sonntag, dem 15./16. Dezember 1951.“